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Kritische Analyse

1. Verkehr: Die Kernstadt als Durchgangsraum

Die Altstadt liegt an einem Hang, der Schlossberg schiebt sich keilförmig in die Innenstadt; enge Bebauung und schmale Straßen erschweren ein geordnetes Nebeneinander von Auto-, ÖPNV-, Rad- und Fußverkehr. Zwei Bundesstraßen und zwei Landesstraßen kreuzen sich am Reinhold‑Schick‑Platz; zudem führt eine Bedarfsumleitung der A 81 mitten durch die Kernstadt. Das erzeugt massiven Durchgangs- und Querverkehr in einem dicht bebauten historischen Kern.

Analysen im Rahmen des IMEP 2030 zeigen hohe Kfz-Belastungen auf den Hauptachsen mit ca. 16.300–22.700 Kfz/24 h und deutlicher Trennwirkung für Fuß- und Radverkehr. In der Kernstadt sind rund zwei Drittel der Kfz-Wege mit Quelle und/oder Ziel in der Kernstadt unterwegs, etwa ein Viertel ist Durchgangsverkehr. Verkehrsverbände wie der VCD kritisieren verwirrende flexible Geschwindigkeitsanzeigen, unzureichende ÖPNV-Taktungen in Teilorten und Sicherheitsprobleme für Radfahrende.

Folge: Die Kombination aus verkehrlicher Durchbindung, hoher Kfz-Nachfrage auf schmalen Straßen und unzureichender Qualität des Umweltverbunds senkt die Aufenthaltsqualität und damit die Attraktivität der Altstadt.

 

2. Leerstand: Verödungstendenzen in der Altstadt

Herrenberg leidet unter Leerständen bei Geschäftsräumen und Wohnungen, besonders in der Altstadt; Einkaufsaktivität verlagert sich in Nachbargemeinden wie Nagold, Tübingen, Böblingen und Sindelfingen. Die Innenstadt ist geprägt von Leerständen, untergenutzten Bereichen und mangelnder Aufenthaltsqualität sowie zu wenig öffentlichem Grün.

Die verkehrsbedingte Belastung (Lärm, Abgase, Sicherheitsgefühl) macht Ladenlokale und Wohnen an Hauptachsen unattraktiver. Gleichzeitig fehlen im Süden und Osten der Kernstadt Handel, Gewerbe und Parkflächen, während sie im Norden konzentriert sind – das schwächt die Zentrumsfunktion. Die Stadt hat zwar leerstehende Objekte in der Tübinger Straße aufgekauft und will sie gemeinsam vermarkten (siehe hier); Kampagnen wie „Mit Herz für Hier – Tschüss Leerstandmachen freie Flächen sichtbarer. Diese Maßnahmen adressieren jedoch vorrangig Symptome, während die verkehrsstrukturellen und nutzungsrechtlichen Rahmenbedingungen die Attraktivität der Altstadt als Ganzes begrenzen.

 

3. Altstadtsatzung: Schutz vs. Nutzbarkeit

Die Herrenberger Altstadt steht seit 1982 als Gesamtanlage unter Denkmalschutz; die Altstadtsatzung trat 1985 in Kraft und sichert das geschlossene Ensemble mit Fachwerkhäusern vor allem aus dem 17. Jahrhundert sowie das Stadtsilhouette. 2023 wurde die Altstadtsatzung überarbeitet. Dabei wurden Details geändert, während die grundlegenden Restriktionen der Satzung erhalten blieben. Aus den Regelungen gehen enge Vorgaben für Werbung und Außenbereichsnutzung hervor. Das beeinflusst die wirtschaftliche Nutzbarkeit von Fassaden und Vorgartenbereichen für Gastronomie und Einzelhandel, was dem schleichenden Verfall, schwindenden Wohnraum und Ladensterben nicht entgegenwirkt.

Kernschwäche: Die Altstadtsatzung sichert das historische Erscheinungsbild, kann aber in der Praxis die Anpassungsfähigkeit an veränderte Nutzungsanforderungen erschweren.

Dazu in der Bibliothek: M - Fortschreibung der Altstadtsatzung von 1986 (PDF, 16.1.2023)

 

4. Wechselwirkungen: Ein sich selbst verstärkender Kreislauf

Verkehr → Aufenthaltsqualität → Leerstand
Hohe Kfz-Belastung und unsichere Rad-/Fußführung reduzieren die Aufenthaltsqualität; das senkt die Frequentierung und macht Ladenlokale sowie Wohnungen weniger attraktiv.

Verkehr+Topografie → Nutzungskonzentration
Die verkehrsreiche Lage wichtiger Gewerbeimmobilien an schmalen Straßen führt zu ungleicher Verteilung von Nutzungen und Parkflächen, was die Zentrumsfunktion schwächt.

Altstadtsatzung → Flexibilität → Attraktivität
Strenge gestalterische Vorgaben können Modernisierungen und flexible Nutzungsformen erschweren; zusammen mit der verkehrsbedingten Belastung sinkt die Investitionsbereitschaft in Altstadtimmobilien.

Leerstand → Image → weiterer Leerstand
Sichtbare Leerstände mindern das Image der Innenstadt; das führt zu weniger Fußgängern und damit zu noch schlechteren Rahmenbedingungen für verbleibende Geschäfte.

 

5. Hauptschwachstellen auf einen Blick

Verkehr:

Leerstand:

Altstadtsatzung:

 

Diese drei Dimensionen bilden einen sich selbst verstärkenden Kreislauf, der die Attraktivität der Herrenberger Altstadt als Wohn-, Arbeits- und Einkaufsstandort strukturell begrenzt.

 



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